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Verlierer und Gewinner

17. Januar 2016

gewinnen oder verlieren

Ihre beste Freundin hat den Doktortitel und sie selbst, sie sitzt als Angestellte in ihrer Praxis und verteilt Termine. Dabei hat sie doch das bessere Abitur gemacht und anschließend einfach nur den Fehler begangen erst einmal das Leben zu genießen, anstatt direkt die nächsten Jahre mit stupiden Lernen an der Uni zu verbringen. Nun sitzt sie da vor den Patientenakten, bringt hin und wieder ihrer Chefin alias besten Freundin einen Kaffee und bestraft sich selbst mit den Worten: Ich habe versagt.Ich bin ein typischer Verlierer.

Bei einem Treffen letztens erzählte sie mir von diesen Gedanken und ich hörte ihr – gebannt von dieser Negativität – zu, bis sie irgendwann den Kopf schüttelte und sagte: Ich bin ja eigentlich total zufrieden und mache meine Arbeit gerne, aber wenn man ständig zu hören bekommt: ach hättest du doch auch mal studiert, ach was hat dir deine damalige Reise nach Chile denn nun gebracht, ach wieviel mehr hättest du verdienen können, dann ist man doch irgendwann einfach nur frustriert.

Hello und willkommen im Wettbewerb leben. Dieses Gespräch ist ein gutes Beispiel für die Gedanken vieler Menschen. Hätte ich mal, dann… Ja was dann?

Ich frage meine Gesprächspartnerin: Was hat dir deine Reise nach Chile denn gebracht und wie würdest du dich fühlen, wenn du diese nicht gemacht hättest.

Sie antwortete mir, dass ihr diese Reise Ruhe gebracht hat und sie wahrscheinlich seelisch zerbrochen wäre, wenn sie diesen Ausbruch nicht gewagt hätte. Ihre Akademiker-Eltern hatten immer große Erwartungen an sie gestellt. Sie sollte Klassenbeste in der Schule sein, sie sollte die beste im Leichtathletikverein sein, sie sollte gefälligst irgendwann Erfolge feiern und ganz wichtig: einen Doktortitel tragen. Weiter sagt sie: Die Reise war wichtig um Ruhe zu finden und darüber nachzusinnen, was ich wirklich möchte und wer ich eigentlich bin. In der Einfachheit dieser Zeit in Chile, habe ich  auch genau das geschafft und anstatt das man stolz auf mich ist, weil ich glücklich bin, herrscht völliges Unverständnis. Ich wollte nie einen Doktortitel und ich hasse Sport. Verstehst du Rebecca, ich habe einmal das gemacht, was ich wollte und werde bestraft. Für meine Familie bin ich die Versagerin.

Mach dich frei

Das Gespräch ging noch sehr lange und alles wiederzugeben, würde mit Sicherheit eine kleine Lektüre füllen; aber immer wieder denke ich an diesen Tag zurück und die Tatsache, wieviel wir im Grunde tun oder vielleicht auch nicht tun, nur um die Erwartungen anderer zu erfüllen, ist erschreckend. Und letztlich geht es dabei immer nur um eins, zu gewinnen und der/die Beste zu sein. Anhand unserer Äußerlichkeiten werden wir bewertet je nachdem was uns suggeriert und gelehrt wurde. Für viele bedeutet ein Doktortitel, dass die dazugehörige Person viel erreicht hat. Sie war offensichtlich fleißig und zielstrebig. Die Arzthelferin hingegen war wohl lieber faul oder vielleicht sogar zu dumm, sich aufs Lernen zu konzentrieren. Gegen den Doktortitel hat sie gnadenlos verloren.

Es ist aber doch so, jeder hat seine ganz eigenen Vorstellung davon, was verlieren und was gewinnen bedeutet, aber letztlich ist auch das nur eine persönliche Wahrnehmung, die man nicht auf andere übertragen kann. Jeder hat ebenso eine persönliche Vorstellung davon, wie man das Spiel des Lebens gewinnen kann und wie die Regeln für das eigene Leben lauten. Wir können die Anleitung schreiben und zwar ohne das wir dafür in eine Wettkampfsarena treten müssen. Wir können sie schreiben, ohne das es die Möglichkeit gibt zu verlieren.

Wenn wir also feststellen, dass eine Sache  kein Gewinn für uns ist, dann haben wir bei näherer Betrachtung, dennoch etwas gewonnen und zwar: eine Erfahrung . Wir wissen nun, was für uns persönlich nicht funktioniert. Vielleicht erfüllt uns diese eine Sache nicht, oder vielleicht haben sich unsere Prioritäten geändert, aber was auch immer der Grund ist,  wir sind deswegen noch lange keine Verlierer. Diese Erfahrung sollte von uns nicht negativ bewertet werden, sondern vielmehr sollten wir aus ihr lernen und den persönlichen Gewinn, den sie mit sich bringt genießen. Wir haben nichts verloren, sondern lediglich gelernt, was für uns aus welchem Grund auch immer nicht so gut klappt und das es nun einen anderen Weg  geben wird.

Fakt ist, es gibt im Leben keine Verlierer oder Gewinner. Man muss nur seinen eigens aufgestellten Regeln vertrauen und sich frei vom medialen und gesellschaftlichen Leistungsdruck bewegen. Wir müssen uns nicht vergleichen und messen an den „Leistungen“ anderer. Und im Grunde, ist bereits jeder ein Gewinner, denn wir alle haben den Hauptpreis gewonnen: das Leben! Was wir daraus machen und wie wir es gestalten, ist unsere ganz persönliche Entscheidung.

mach dein Ding

 

 

 

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6 Comments

  • Reply dorette 22. Januar 2016 at 15:00

    leben und leben lassen. gar nicht so einfach.

    ich glaube ja, dass unserer komplettes leben heutzutage irgendwie so unnatürlich ist und das macht die menschen unzufrieden. die unzufriedenheit drückt sich dann darin aus, dass wir immer höher und schneller und weiter wollen. ich selbst kann stillstand auch kaum ertragen, obwohl er mir so gut tut… manchmal wünschte ich mir alles wäre anders, aber ob anders dann besser ist, wer weiß…
    ach, das ganze ist grade schwer in worte zu fassen und würde wohl zu lange dauern… auf jeden fall ein guter text, der mal wieder zum grübeln anregt! 🙂

    • Reply beccs@ruhrstyle 23. Januar 2016 at 19:20

      Liebe Doro,
      ich sehe es wie du, unser Lebensstil ist unnatürlich. Diese Schnelllebigkeit, der Erfolgsdruck und die gesellschaftlichen Zwänge, sind im Grunde wider der Natur und engen uns in unserem freiheitlichen Denken ein. Ich glaube auch, dass man nicht stillstehen muss, aber sich auf das konzentrieren sollte, was wirklich erfüllend für einen selbst ist. Ebenso denke ich, dass es ein „anders“ gibt, welches sich positiv auf die Menschen auswirken würde, aber dafür muss sich noch viel wandeln.

  • Reply Rebecka 18. Januar 2016 at 10:19

    Toller Artikel, aber leider eine krasse Geschichte. Mir sind solche Vorwürfe vertraut. Ein guter Freund schlägt sich als DJ durch, wenn es nicht gut läuft, braucht er noch Hart4 und wird von vielen Seiten runter gemacht. Immer wieder bekommt er sowas zu hören wie: hättest du mal weiter studiert, dann wärst du jetzt was. Was für ein Bullshit! Ein Mensch ist so viel mehr als sein beruflicher Erfolg. Glücklich sein und Ausgeglichenheit gehören auf jeden Fall auch dazu. 🙂 Und was für den einen richtig ist, muss für den anderen noch lange nicht der richtige Weg sein. Jeder sollte die Chance haben, seinen Weg zum Glück zu finden und ohne Vorurteile zu gehen.

    Liebe, zustimmende Grüße aus Brixen Südtirol

    • Reply beccs@ruhrstyle 18. Januar 2016 at 19:15

      Liebe Rebecka,

      wie traurig es doch ist, solche Geschichten immer wieder zu hören. Mir sind so viele Menschen bekannt, die ihren Titel vor dem Namen und die Ringe unterm Auge tragen, denn du hast absolut Recht: der Erfolgsstatus eines Menschen hat keinerlei Auswirkungen auf die Person an sich. Ich wünsche deinem Freund, dass er die Kraft besitzt sein Leben weiter so zu leben, wie es ihm Freude und Glück beschert und das er sich nicht irgendwann dem gesellschaftlichen Erfolgsdruck beugt.

      viele liebe Grüße nach Tirol
      Rebecca

  • Reply Kea 17. Januar 2016 at 22:07

    Hachja, du weißt ja, dass ich dir in diesem Punkt aaaabsolut rechtgebe! Ich habe deinen Text gelesen und finde ihn so wohltuend! Ich arbeite gerade an einem Beitrag über die unsägliche Tabuisierung des Scheiterns in unserer Gesellschaft und die Geschichte deiner Freundin passt da ja absolut ins Bild: Unsere Gesellschaft hat ihre Wertvorstellungen und alles, was daran gemessen, nicht „erfolgreich“ ist, wird als falsch oder schlecht abgestempelt. Dabei ist es doch genauso, wie du sagst: Wir lernen von dem, was nicht geradlinig läuft. Und meistens so viel mehr als von den Sonnentagen. Liebe und zustimmende Grüße! Kea

    • Reply beccs@ruhrstyle 18. Januar 2016 at 19:07

      Liebe Kea,

      da bin ich aber wirklich sehr gespannt auf deinen Beitrag. Ich kann mich ja garnicht genug dazu äußern wie mir diese falschen Wertvorstellungen gegen den Strich gehen.

      liebste Grüße
      Rebecca

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