Blog Leben Nachhaltig

Ist ein nachhaltiges Leben anstrengend?

22. August 2016

nachhaltiges leben anstrengend?

Bereits vor unserem Urlaub hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Bekannten, die mir letztlich die Frage stellte, ob es nicht manchmal nervig und anstrengend sei, immer auf ein nachhaltiges Leben zu achten und ob ein dies nicht so manches Mal die Freude am „einfach mal Leben“ raube. Wie aus der Pistole geschossen habe ich ihr damals mit Nein geantwortet und nachdem ich mir im Urlaub über ihre Frage nochmal ein paar Gedanken gemacht habe, muss ich zugeben, dass ich mit meiner Antwort nicht ganz ehrlich war. Warum? Das versuche ich nun einmal ganz offen und ehrlich zu beantworten.

Meiner Ansicht nach, ist es das Wichtigste unsere Umwelt mit all unseren Möglichkeiten zu schützen. Ich bin da recht kompromisslos und auch, wenn wohl 2030 ein paar Menschen auf den Mars geschickt werden und auch dort bleiben sollen, wahrscheinlich um abzuchecken, wo man sonst noch Leben kann, wenn unser Planet bald endgültig zerstört ist, die Erde ist und bleibt für mich der einzige Planet, auf dem ich wohnen möchte. Also muss ich auch alles dafür tun, damit ich nicht dazu beitrage dieses wundervolle Zuhause zu zerstören. Alles und so ziemlich kompromisslos!

Man mag schon sagen können, ich bin da in den letzten 1-2 Jahren sehr engstirnig geworden und ja, heute gebe ich zum ersten Mal zu, dieses ständige drauf achten, so gut wie alles richtig zu machen, kann manchmal durchaus anstrengend sein und mich unter Druck setzen. Hinzu kommt ja noch, dass ich es nicht ertragen kann, wenn einem Tier Leid angetan wird und ebenso wenig möchte ich dafür verantwortlich sein, dass Menschen unterbezahlt sind oder Kinder in irgendwelchen Fabriken arbeiten müssen. Versteht mich jetzt bitte nicht falsch! Ich achte gerne auf diese Dinge, denn ich weiß wofür ich es mache, aber ich möchte auch nicht vorgaukeln, dass das immer locker flockig geht.

Als zum Beispiel nun im Urlaub unser Wohnmobil abgebrannt ist und wir plötzlich mit nichts dastanden, kamen wir ganz schön in die Bedrullie. Klar, wie im letzten Beitrag erwähnt, wurden wir von den wundervollen Menschen aus Larraga erst einmal mit einer Garderobe versorgt, aber wir brauchten Klamotten für weitere 6 Tage. Allen voran Unterwäsche. Also durften wir uns das Auto der Familie, bei welcher wir untergekommen waren ausleihen und wir fuhren in ein 50 km entferntes Einkaufszentrum. Generell überfordert mit solch riesigen Shoppingmeilen und mit drei quengelnden Kindern im Schlepptau, stürzten wir uns ins Getümmel. Zara, Primark, Mango, Pull & Bear und Co reihten sich aneinander und mein Gewissen ritt schon wieder auf mir rum. Wo nun ein faires Teil finden? Wo, wo, wo? Irgendwann und mit schon tief runter hängenden Mundwinkeln, fanden wir zumindest einen Laden mit Damen-Unterwäsche Made in Spain. Tja, nur kostete eine Unterbuchse so um die 30 Euro aufwärts und nachdem im Wohnmobil knapp 500 Euro mit verbrannt sind und wir mal eben Klamotten für 5 Personen brauchten, waren ein paar Höschen aus diesem Store nun wirklich nicht drin. Ich gebe zu, ich musste mich kurz auf eine Bank setzen und mit den Tränen kämpfen, weil mein Gewissen mir sagte, du wirst ja wohl lieber verzichten, als bei Zara und Co zu kaufen, mein Verstand mir aber sagte, dass wir nun einmal etwas und vor allem die Kinder zum anziehen brauchten.

Mein Liebster schaffte es mich wieder herunterzuholen und mir klar zu machen, dass wir gerade selber in einer beschissenen Situation stecken und wir so leid es einem dann auch tut, nun einmal an uns selbst denken müssen. Wir gingen also doch in diesen riesigen Zara-Laden, da es dort zumindest Klamotten für Damen, Herren und Kinder gab und kauften eine komplette Garderobe für alle. Unterwäsche fanden wir in einem kleinen spanischen Laden. Ich befand mich in einem üblen Konflikt, zwischen Freude darüber relativ günstig etwas gefunden zu haben und Trauer darüber, in einem solchen Laden zu müssen. Ebenso war ich ein bisschen wütend auf mich selbst, da ich doch zugeben muss, dass dort unheimlich viele schöne Teile hingen, die auch noch alle reduziert waren und ich mich bei einem Teil, welches ich halt nicht wirklich brauchte, regelrecht beherrschen musste, um es nicht zu kaufen.

Gut, dass war nun ein Extrembeispiel, aber auch im Alltag ist es nicht immer einfach. Ob man es nun wahr haben will oder nicht, fair und nachhaltig produzierte Artikel, ob nun Kleidung oder Möbel oder was auch immer, sind einfach um einiges teurer als herkömmliche Klamotten und wenn man für 5 Personen kaufen muss, ist es nicht immer leicht. Ganz ehrlich, kauf mal 3 fair produzierte Winterjacken für Kinder und du bist ein paar Hunderter los.

Nun war ich ja immer der Meinung, das second hand kaufen durchaus nachhaltig ist und ich habe es wirklich gerne gemacht. Dazu durfte ich mir aber auch bereits anhören, dass dies nicht unbedingt empfehlenswert ist, denn die Leute, die auf dem Flohmarkt, bei Ebay oder sonst wo ihre nicht fair produzierte Kleidung verkaufen, werden sich von dem Erlös wieder Klamotten bei herrkömmlichen Labels kaufen, was also bedeutet, dass ich diese Käufe mit unterstütze. Vielleicht ist da etwas dran und nun? Kinder brauchen häufiger mal neue Kleidung und ich bin ehrlich, nur fair produzierte Klamotten für drei zu kaufen ist mir aus finanzieller Sicht nicht möglich!

Im Urlaub hat mein Menne mit mir darüber gesprochen, ob ich mich nicht langsam selbst verliere, ob meine schlechte Laune nicht auch manchmal daher rührt, dass ich immer auf alles achte und nie einfach nur einem Impuls folge. Ob ich nicht langsam in einen regelrechten Wahn verfalle ohne auf unsere eigenen Umstände zu achten. Er hat wohl recht!

Die Kinder wollen ein Eis, ich kaufe aber keins, weil es nicht vegan ist und höre mir lieber das Gequengel an. Ich sehe eine traumhaft schöne Strickjacke von Mango auf dem Trödelmarkt, kaufe sie aber nicht, weil die Verkäuferin dann vielleicht wieder bei Mango einkaufen geht, sofern sie genug Einnahmen macht. Ich mache mein Shampoo etc. selbst und kaufe den Kindern veganes Shampoo für knapp 8 Euro die Flasche. Ich fliege nicht mehr mit dem Flugzeug, obwohl mein 9jähriger Sohn sich nichts mehr wünscht, als einmal nach Dublin bzw. Irland zu fliegen und eine Irish Tinker Wanderreittour zu machen. Ich backe alles selbst, mache Waschpulver und Putzmittel selbst, obwohl mir ziemlich oft die Zeit fehlt und ich für diese Back- bzw. Zubereitungssession bis tief in die Nacht in der Küche stehe, obwohl ich morgens um sechs Uhr aufstehen muss. Wir sitzen seit Wochen an einem kaputten Esstisch, weil ein nachhaltig produzierter für uns zu teuer ist. Für den Winter brauche ich dringend ein paar Winterstiefel, ich finde aber keine gebrauchten veganen und die mir im Geschäft gefallen sind zu teuer, da auch die Kinder welche brauchen werden. Ich gehe nicht einfach mal so ins Cafe, weil ich immer erst abchecken muss, ob der angebotene Kaffe auch fair gehandelt wird.

Versteht ihr was ich meine? Ich achte wie bereits geschrieben, gerne auf diese Dinge, aber bei all der Achtsamkeit habe ich vergessen diese Achtsamkeit auch gegenüber meiner Familie und mir selbst walten zu lassen. Ich streite mich mit meinem Liebsten über Geld was wir nicht haben und ich glaube diesen großen Knall habe ich mal gebraucht.

Natürlich werde ich weiterhin auf Nachhaltigkeit und Fairness achten, aber ich muss auch wieder lernen, mir selbst kein schlechtes Gewissen zu machen, wenn ich mal etwas tue, was nicht zu Hundertprozent nachhaltig ist. Ebenso werde ich auch weiterhin second hand kaufen, weil es für uns finanziell einfach nicht immer anders möglich ist und ich denke, dass second hand immer noch besser ist, als direkt bei H&M oder dergleichen einzukaufen.

Auch wenn es mir schwer fällt, darf ich wohl nicht immer alles so schwarz oder weiß sehen. Mehr als bemühen und den eigenen Umständen entsprechend das Beste geben, kann wohl niemand.

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3 Comments

  • Reply Jenni 28. August 2016 at 21:22

    Liebe Rebecca!
    Ich kann mich meinen Vorkommentatorinnen nur anschließen – der gute Wille ist ehrenhaft, wirklich, aber man muss auch schauen, was für einen selbst in der Situation, in der man sich gerade befindet, machbar ist.
    ich glaube, euer Erlebnis mit dem Wohnmobil kann man gut als Metapher dafür nehmen (so schlimm und furchtbar diese Geschichte auch ist – versteh‘ mich da bitte nicht falsch!) – darauf zu achten, ein nachhaltiges Leben zu führen, kann in gewissen Situationen an seine Grenzen stoßen, im Großen wie im Kleinen. Und es ist wichtig, sich dessen immer bewusst zu sein.
    Mir geht es häufig auch so – ich mache manchmal einen Heidenumstand, um Dinge zu finden, die wenigstens ansatzweise fair produziert werden (wenn ich etwas Neues brauche) und bekomme gefühlt ein graues Haar mehr, wenn bei mir ein Paket ankommt, dessen Inhalt in Plastikfolie verpackt ist.
    Aber auch ich habe meine balancierende Hälfte bei mir – und er holt mich dann auch immer mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, was unglaublich wichtig ist.
    Wir sind auch nur Menschen, jeder und jede von uns – und wir tun, was wir jetzt persönlich in unserer jeweiligen Situation tun können. Und dann können wir auch ein gutes Gewissen haben.

    Liebe Grüße
    Jenni

  • Reply Kea 23. August 2016 at 16:43

    Danke für diesen Artikel, liebe Rebecca. Er spricht mir aus dem Herzen. Kurz nachdem ich beschlossen hatte, nachhaltig leben zu wollen, bin ich auch fast kaputt gegangen dabei – selbst die einfachsten Dinge waren plötzlich nicht mehr ohne schlechte Gefühle und quälende Gedanken zu bewältigen. Weil man es einfach nie perfekt machen kann. Ich finde deine Einsicht sehr gut, dass deine Achtsamkeit eben nicht nur der Welt, sondern auch dir und deinen Lieben gelten muss. Du bist auch nur ein Mensch, Rebecca und du tust schon so so viel! Die Welt profitiert von dir am Meisten, wenn es dir gut geht, wenn du Kraft hast, dich für dein Thema, den sorgsamen Umgang mit Mutter Erde und ihren Bewohnern, einzusetzen. Es nützt niemandem, wenn du vor die Hunde gehst. Ich habe diesen Punkt für mich auch erreicht und bin nun gnädig mit mir, wenn ich eben nicht alles auf einmal schaffe – du tust das, was du kannst, im Rahmen deiner Möglichkeiten. Das ist alles und weitaus mehr, als die meisten Menschen tun. Sei so gut zu dir, wie du es zu anderen bist. Einen dicken Kuss! Kea

  • Reply L♥ebe was ist 22. August 2016 at 14:19

    ich finde es interessant was du über die Anstrengung schreibst nachhaltig zu leben liebe Rebecca!
    ich habe mir darüber noch nie so viele Gedanke gemacht, bzw. machen müssen. für mich geht mein Nachhaltigkeitskonzept bisher völlig auf – aber ich habe eben auch nicht die Verantwortung für eine ganze Familie.
    ich denke wie bei so vielem macht die Dosis das Gift. wenn man sich für dieses Ziel also verbiegen und zerbrechen muss, dann ist das vl nicht wert. ich für meinen Teil würde also nur soweit gehen wie ich es mit meinem eigenen Wohlbefinden vereinen kann.

    ich finde es jedenfalls super schön, dass du mit deinen Gedanken über die Achtsamkeit und deine Familie für dich selber einen Kompromiss gemacht hast, sodass es dir gut geht. wir sind eben nur Menschen und keine Perfektionisten 🙂

    eine wundervolle Woche dir!
    ❤ Tina
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