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Handy Liebe

20. Februar 2016

Handysüchtig

Mein Kopf lehnt an der großen Fensterscheibe des Busses, der viel zu schnell und ruckartig fährt. Wahrscheinlich versucht der arme Fahrer verzweifelt, die Minuten einzuholen, die er schon zu spät ist. Die Sonne geht so langsam unter und ich genieße den Anblick des farbenfrohen Himmels. Warum sieht der Typ, der mir gegenüber sitzt diese Schönheit nicht? Irgendwas spannendes muss da gerade auf seinem Smartphone passieren, denn er hebt nicht ein einziges Mal den Kopf. Ich strecke ihm die Zunge raus…aber er bemerkt es nicht. Ich täusche einen Asthmaanfall vor…aber er bemerkt es nicht! Seine tiefe Versunkenheit. fasziniert und erschreckt mich zugleich!

Generation Smartphone

Am Busbahnhof steige ich aus und schlendere gemächlich Richtung Innenstadt. Während die meisten Menschen nach unten schauen, geht mein Blick immer wieder nach oben. Die Farben am Himmel werden immer spektakulärer und es ist viel zu schön um es unbeachtet zu lassen. Eine junge Frau läuft auf mich zu, ihr Blick ist auf das große Smartphone gerichtet und ohne einmal aufzusehen schafft sie es, mir ziemlich galant auszuweichen. Ich schaue ihr hinterher und bin zutiefst beeindruckt von ihrem Können! Doch leider sieht sie den Himmel nicht. Sie sieht auch nicht den Mann, der an der Laterne gelehnt auf dem Boden sitzt. Ich kaufe ihm einen Kaffee und zwei belegte Brötchen und bin dankbar für sein Lächeln.

Plötzlich fallen mir immer mehr Menschen auf, die überhaupt nichts wahrzunehmen scheinen. Sie sind fokussiert auf eine einzige Sache. Teilweise bewegen sich ihre Finger in einem so rasanten Tempo, dass ich mir ernsthafte Gedanken mache, ob ihre Gelenke das auf Dauer vertragen können. Eine Mutter zieht ihr quengeliges kleines Kind hinter sich her ohne es anzusehen und mit der anderen Hand bedient sie gekonnt den Touchscreen ihres Smartphones. Irgendwie traurig dieses Bild und ich bin froh, als ich endlich das kleine Cafe am Rand der Innenstadt erreiche.

Ich gebe meine Bestellung auf und versinke in dem großen gemütlichen Ohrensessel. Mein Blick wandert zur Theke und während offensichtlich meine Bestellung mit wenig Hingabe zubereitet wird, tippt die Bedienung nebenbei eifrig eine Nachricht in ihr Handy und grinst dabei wie ein Honigkuchenpferd. Wahrscheinlich hat sich der Typ vom letzten Wochenende gemeldet…

Ich greife nach dem Buch in meiner Tasche und versuche mich auf die Worte zu konzentrieren, die mich normalerweise immer in ihren Bann reißen, aber es gelingt mir nicht. Ein piepsen hier ein klingeln dort…Seit wann lasse ich mich davon ablenken!?! Ich schaue zu dem Paar am Nebentisch. Er erzählt irgendwas von einem Film, sie tippt nebenbei auf ihrem Handy rum. Warum erzählt er immer noch? Kommt er sich nicht blöd vor? Erzähl doch lieber mir was…Ich hör dir zu.

Ein älteres Ehepaar läuft händchenhaltend und lachend am Cafe vorbei und ich muss schmunzeln, weil ihre Liebe mich trifft. Nur die Tussi am Tisch neben mir nervt mich weiterhin, weil sie ihrem Freund noch immer nicht zuhört. So wie das alte Pärchen werden die beiden wohl nicht enden – wie schade.

In diesem Moment fällt mir auf, dass ich seit ich unterwegs bin, nicht einmal auf mein Handy geschaut habe. Ich hole es aus meiner Tasche. Drei WhatsApp Nachrichten aus zwei Chats. Meine Augen verdrehen sich und ich packe das Handy schnell wieder zurück in das kleine Innennebenfach mit Reißverschluss. Zum Glück, denn nun sehe ich meinen Liebsten zur Tür hereinkommen und ich kann ihn mit einem Blick in die Augen und einem freudigen Lächeln begrüßen.

Momente und Gedanken

 

 

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13 Comments

  • Reply Johannes 9. März 2016 at 17:56

    Wirklich sehr schön zu lesen, dass auch andere Menschen das so wahrnehmen. Im Rückblick war ich selbst einmal so. Ich dachte mal eine Zeit lang es wäre unheimlich „produktiv“ seine Mails im ÖPNV zu beantworten. Jetzt finde ich es nur noch albern. Ich habe einen kalten Entzug gemacht und mein altes Sony Ericsson W800i (wer kennt das noch?) rausgekramt. Fühlt sich sehr gut an nicht immer online zu sein. Gleichzeitig glaube ich, dass ich vielleicht auch mal wieder rückfällig werde… Ich habe noch nicht den richtigen Umgang mit einem Mobiltelefon/Smartphone (für mich) gefunden. LG

  • Reply dorette 2. März 2016 at 14:12

    Oh, immer wieder gut zu lesen/hören, dass auch andere menschen genervt sind vom smartphone-wahn. so ein ding ist ja manchmal gar nicht so unpraktisch, aber dieses suchtverhalten ständig überall nachrichten zu lesen und zu schreiben, ist schon komisch.

    • Reply beccs@ruhrstyle 7. März 2016 at 22:10

      Komisch und irritierend zugleich. So weiß ich doch manchmal bei manchen Menschen tatsächlich nicht, ob sie nun mit mir reden oder eine Nachhricht auf ihrem Handy laut vorlesen, da sie es einfach ständig in der Hand halten und es ihnen sichtlich schwer fällt, den Blick davon abzuwenden.

  • Reply RebRob 28. Februar 2016 at 7:19

    Dazu kann man nur sagen, dass wir im Technikwahn sind.
    Überall zu jeder Zeit erreichbar.
    Die Schönheit aber auch die Hilfsbedürftigen werden nicht mehr wahrgenommen. Statt dessen wir das nächsten Hundewelpen Video und Hetze verbreitet.
    Wir leben in einer nicht reellen oder sogar zur reellen Welt, welche sich auf 5 Zoll abspielt.
    Ok, wir nutzen es inzwischen alle, zumindest müssten es die meisten sein.
    Aber wir sollten lernen diese 5 Zoll auch zu Hause zu lassen und am Leben wieder teilzunehmen.

    • Reply beccs@ruhrstyle 1. März 2016 at 12:37

      Vielleicht ist die reale Welt auf 5 Zoll so interessant, weil sie dann doch weiter weg erscheint, als sie eigentlich ist und sollte etwas nicht gefallen, wird der Bildschirm schwarz.
      Ich denke auch, dass Handys durchaus ein praktisches Hilfsmittel sind, aber nur, wenn man es auch ohne Entzugserscheinungen beiseite legen kann.

      viele Grüße
      Rebecca

  • Reply Carolin 26. Februar 2016 at 1:38

    Wirklich ein toller Text und leider auch ziemlich wahr! Mir kommt es auch so vor als würde das mit den Handy’s von Monat zu Monat schlimmer weredn. Ich hasse es, wenn man zusammen irgendwo am Tisch sitzt und jeder nur auf sein Handy starrt.
    Ich muss zugeben, dass ich das Teil auch ständig undviel zu oft in der Hand habe, aber es gibt auch immernoch Situationen in denen es einfach nicht angebracht ist und andere Dinge Priorität haben!
    Ich bin mal gespannt, wie sich das noch entwickelt…

    Liebe Grüße

    nilooorac.blogspot.de

  • Reply liebe was ist 25. Februar 2016 at 19:21

    liebe Rebecca,
    im Moment verstehe ich genau was du meinst!
    erst jetzt, wo ich gerade in Indien bin und nicht 24/7 Zugang zum Internet habe, fällt mir wieder einmal auf, wie abhängig wir uns davon in unserem Alltag machen. es ist auf jeden Fall eine tolle Sache immer mit den Liebsten in Kontakt stehen zu können, aber dafür sollte man seine reale Umwelt eben nicht vernachlässigen!
    ich genieße es jedenfalls sehr mehr ohne das Smartphone unterwegs zu sein, als mit 😉

    <3 Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/

  • Reply Christine 22. Februar 2016 at 9:55

    Ach, und was ich noch sagen wollte: I Origins solltest du dir wirklich anschauen. 😉
    Can a song save your life war so ein schöner Film… der Soundtrack läuft noch sehr oft bei mir.

    • Reply beccs@ruhrstyle 24. Februar 2016 at 10:00

      Jaaa, möchte ich auch unbedingt. Allerdings komme ich momentan nicht wirklich dazu. Übrigens, hast du mal ausprobiert, mit Kopfhören im Ohr durch die Stadt zu laufen und alles untermauert von Musik zu beobachten? Mein Liebster und ich machen das ab und an und es ist furchtbar interessant, wie sich auf einmal alles verändert.

  • Reply Christine 22. Februar 2016 at 9:55

    Also das mit den all diesen Smartphones überall nervt mich schon manchmal ganz schön. Natürlich haben sie auch ihre tollen Seiten und ich würde lügen, wenn ich meins nicht auch sehr gern hätte. Grad zum Kontakthalten mit denjenigen, die leider nicht in der Nähe sind, sind sie einfach toll. Mittlerweile kann man mit all den Fotos, die man mal eben schicken kann, usw. wirklich beinahe beim anderen sein. Seit meine Schwester nicht mehr in der Nähe wohnt, fällt mir das noch mehr auf. Lustigerweise habe ich sogar mit meinen Cousinen und (!) meiner Oma mehr Kontakt, seit eben alle ein Smartphone haben. Ich sehe also durchaus die tollen Seiten daran.
    Aber letztlich können die Dinger auch so was von nerven! Ich finde es schrecklich, wenn die Leute keine richtige Unterhaltung mehr führen können und eigentlich nur die ganze Zeit auf das Ding schauen.
    Oder, was mir in letzter Zeit vermehrt auffällt, das junge Mütter ihre Kinder gar nicht mehr so wirklich beachten und nur noch auf ihr Handy starren… das finde ich fast noch beängstigender.

    • Reply beccs@ruhrstyle 24. Februar 2016 at 9:57

      Du hast recht! Es ist natürlich nicht alles Käse an diesen Dingern. Dennnoch stört mich die Vernachlässigung der Face to Face Kontakte enorm.

  • Reply Kea 20. Februar 2016 at 17:07

    Ach, du sprichst mir aus dem Herzen! Ich finde das Bild in den öffentlichen Verkehrsmitteln auch immer ganz schrecklich, lauter tief gesenkte Köpfe, beschäftigt mit ihrer kleinen Welt, die auf einen Smartphone-Bildschirm passt. Und dabei verpassen sie so viele schöne kleine Augenblicke, die das Leben so besonders machen. Fühl dich gedrückt!

    • Reply beccs@ruhrstyle 24. Februar 2016 at 10:01

      Absolut und gerade diese kleinen Augenblicke machen doch das Leben so lebenswert.

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