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Diese Zeiten sind vorbei – Bekenntnisse einer ehemaligen Konsumentin

7. April 2016

Hello Mrs Eve

** Gastbeitrag von Kea von Hello Mrs Eve und Thirtyplus** Es gibt sie, die Menschen, die du nie live gesehen haben musst und die dennoch dein Herz zutiefst berühren. Menschen, bei denen du weißt, dass sie etwas ganz besonderes sind und bei denen du spürst, dass eure Seelen zum selben Beat tanzen. So geht es mir, wenn ich Keas wundervolle Artikel lese und somit ist es mir eine Ehre, dass ihre Worte nun auf meinem Blog verewigt werden, mit einem Beitrag, der auch zu mir passt; und zwar wie die Faust auf´s Auge. Ein Beitrag, von einer Ex-Konsumentin, die plötzlich wieder nackt ist…

Diese Zeiten sind vorbei – Bekenntnisse einer ehemaligen Konsumentin

Ich war voll dabei. Irgendwie hatte mich das Ganze in seinen mächtigen Sog gezogen und ich war m-i-t-t-e-n-d-r-i-n. Mein Name ist Kea und ich bin eine ehemalige Konsumentin.

Eine Mischung aus Desorientierung und Frustration muss es gewesen sein, die mich direkt nach dem Abitur aus der Blase meiner bildungsbürgerlichen Existenz riss.

Ich wusste eigentlich, was ich aus meinem Leben machen wollte, aber mir fehlte der Mut. Wer studierte schon brotlose Geisteswissenschaften? Also ergriff ich einen Beruf, von dem ich glaubte, damit Geld verdienen zu können, gab meiner inneren Stimme eins über die Rübe und reihte mich brav ein in das Leben als zukünftiger Teil der Leistungsgesellschaft.

In diesem kurzen Moment von Unachtsamkeit, in diesen wenigen Augenblicken jugendlicher Ratlosigkeit, ob der vor mir liegenden Zukunft, fiel ich dem Mahlwerk der Konsumindustrie als leichtes Opfer in die Hände. Die kurze Zeitspanne, die das Internet brauchte, um von das-haben-nur-Nerds-und-High-Tech-Firmen zu seiner allgegenwärtigen Präsenz in unseren Hosentaschen aufzusteigen, veränderte mein alltägliches Leben in gewaltigem Ausmaß. Instagram, Facebook, Pinterest – plötzlich sah ich überall nur noch vermeintlich schöne Menschen aus vermeintlich perfekten Leben auf mich herunter lächeln. Um mich herum Celebrity-News und Heidis alljährliche Suche nach dem gehorsamsten Meedchen.

Ich glaubte nun tatsächlich, dass die Bikini-Figur von Promi XY eine Bedeutung für mich hätte. Die Klatschspalten waren mein Fenster zur Welt. Leichtverdauliche Neuigkeiten, so nahrhaft wie Weizen-Toast. Weich, wabbelig, geschmacklos.

Was für eine Industrie, die Begriffe wie „It-Girls“ erfunden hat, um all diese überflüssigen Modeartikel an junge Mädchen zu verkaufen! Bedürfnisse wecken bei eigentlich längst satten Menschen, das muss man auch erstmal schaffen! Mode, Makeup, Glitzer, Glitzer! Triviale Unterhaltung ist nicht nur deshalb so gefährlich, weil sie uns das Denken abgewöhnt, sondern weil sie uns unter Werbe-Dauerbeschuss nimmt.

Aber mir fiel es nicht auf, ich schwamm stromlinienförmig auf der allgemeinen Konsumwelle, der H&M-Online-Shop mein zweites Zuhause, mein Lieblings-Moment der Woche der Großeinkauf im Drogeriemarkt.

Ja, ich gebe es zu, es gab eine Zeit, in der mich nichts mehr gefreut hätte, als jemand, der mir Geld in die Hand drückt und sagt: Geh shoppen, Liebes!

High Heels und Pencil Skirts, Egg Shape Mäntel und Bohemian Maxikleider. Meine Bettwäsche stank nach Selbstbräuner, der meine Haut braun färben, während die Zahnpasta mit Schleifpartikeln meine Zähne weißer machen sollte. Willkommen in der Optimierungshölle!

Ich glaubte, jede Saison eine neue Jacke zu brauchen und empfand echtes Leid darüber, kein Geld für eine dritte Handtasche zu besitzen.

Innerhalb des Systems machten diese Dinge Sinn. All die Frauen, an deren Leben ich durch Magazine, Internet und Fernsehen second-hand-mäßig teilnahm, lebten es mir vor. Ich war nicht mehr da, um kreativ und frei zu sein, sondern, um mit meinem Äußeren zu beeindrucken.

Ich verbrachte Stunden damit, vor dem Spiegel in meinen Hüftspeck zu kneifen, ich widmete Jahre meines Lebens einer therapiebedürftigen Essstörung, während der ich drei Jahre lang zum Mittagessen ausschließlich Suppe aß. Auch das wunderte mich nicht, denn es passte ins System.

Frauen waren Dekorationsartikel. Manche von ihnen schmückten sich mit dem Label der erfolgreichen Geschäftsfrau, aber das sagten sie mit einer von Botox stillgelegten Stirn und unter Frauenpower verstanden sie den Girls-Abend auf Sixx.

Meine Frustration darüber, nicht meiner Herzenstimme gefolgt zu sein und mich in einem seltsam fremden Leben wiederzufinden, musste ich betäuben und ohh, sie ließ sich so gut betäuben! Manche tun es mit chemischen Substanzen, manche mit Rotwein, andere mit Sex. Ich tat es mit Konsum. Und wir wissen es doch alle und ich wusste es natürlich auch, dass unser Leben auf der Überholspur einen hohen Preis hat. Den andere zahlen.

Natürlich war mir klar, dass meine T-Shirts für eine Saison von Näherinnen in Kambodscha gefertigt worden waren, ich wusste, dass meine Kosmetik vermutlich nicht ohne Tierversuche hergestellt wurde. Ich kannte die Bilder aus meiner Zeit als Teeanger, in der ich mich bei Greenpeace engagiert hatte.

Ich kannte sie, aber ich verdrängte sie erfolgreich. Wenn man Konsumentin ist, bleiben unangenehme Fragen draußen.

Erst mit 30 wachte ich plötzlich auf aus diesem Alptraum. Sah mich im Spiegel und erschrak darüber, wer ich geworden war.

Ein Wendepunkt. Nun mache ich neue Pläne, gehe noch mal über Los, bewerbe mich für ein zweites Studium.

Und plötzlich geht es alles nicht mehr. Mein leeres Leben der letzten Jahre zerbröselt vor meinen Augen zu Staub und es ist wunderbar! Ich habe keine Lust mehr, in der Stadt bummeln zu gehen, Einkaufszentren üben keinen Reiz mehr auf mich aus. Ich lese Bücher statt Klatschmagazine, ich gehe lieber ins Naturschutzgebiet, als zu Primark.

Ich fühle mich nackt, wie neugeboren. Ich bin einfach ich und ich finde heraus, welchen Platz ich in dieser Welt haben möchte. Und ich finde heraus, was für eine Welt ich möchte.

Ich habe so viel Zeit damit verbracht, in ein System passen zu wollen, das die Erde und die, die auf ihr leben, kaputt macht. Das Raubbau mit ihr und uns betreibt, bis nichts Menschliches mehr übrig ist. Ich muss sie mir verzeihen, diese Jahre, in denen ich die Augen zu gemacht habe und nicht sehen wollte, dass wir alle unseren kleinen Teil dazu beitragen. Lasse sie hinter mir, die Momente des käuflichen Glücks für Sekunden auf den Einkaufsmeilen dieser Welt, die Hauls und Rabattcodes und Sonderangebote. Die Konsumentin in der Wegwerfgesellschaft, das bin nicht mehr ich. Diese Zeiten sind vorbei.

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7 Comments

  • Reply Jenni 12. April 2016 at 17:31

    Liebe Kea!

    Ich bin sehr, sehr froh, vor einiger Zeit auf deinen Blog „Hello Mrs Eve“ gestoßen zu sein – ich finde, du schreibst fantastisch! Schwungvoll, intelligent und mit Liebe zum Wort – wenn jemand für die Geisteswissenschaften prädestiniert ist (so schließe ich waghalsig aus deinem Stil), dann wohl du. Daher freue ich mich sehr für dich, dass du deinen Weg doch noch gefunden hast und aus dem Rad ausgestiegen bist, dass dich sonst vermutlich dein ganzes Leben unglücklich gemacht hätte.
    Denn glücklich werden mit diesem oberflächlichen Leben nur oberflächliche Leute, leicht zufriedenzustellen, nicht nachdenkend, im Strom schwimmend – weil’s bequem so ist. Die anderen werden immer ihre Zweifel haben, immer vorm Spiegel stehen und sich nicht reichen, immer vergleichen und gefühlt „schlecht abschneiden“. Und das muss sich niemand frewillig antun.
    Ich glaube aber fest daran, dass es mehr von den unglücklichen Oberflächlichen, weil eigentlich doch Tiefsinnigen, gibt und wünsche mir, dass sie ebenfalls zu sich finden.

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Reply Kea 20. April 2016 at 17:02

      Hallo liebe Jenni, wow, so ein schöner Kommentar, ich danke dir! Ich freu mich wie ein Honigkuchenpferd über das Lob zu meiner Schreibe und es tut mir sehr gut, Rückenwind für meine Studiumspläne zu bekommen, tausend Dank an dich!
      Und zur oberflächlichen Konsumgesellschaft, der ich ja zum Glück doch noch entwischt bin – Ja, das hätte mich mein ganzes Leben lang unbefriedigt gelassen, da bin ich mir auch sicher. Umso schöner ist es, hier bei Rebecca so viele Gleichgesinnte zu treffen – ich hab irgendwie den Eindruck, hier tummeln sich besonders viele 🙂 Und ich find es wunderbar, mitanzusehen, dass immer mehr junge Menschen eben doch keine Lust haben, nur von Sale zu Sale zu denken und dass das Netz uns die Gelegenheit gibt, uns zu finden und gegenseitig zu unterstützen – Ganz liebe Grüße zu dir! Kea

  • Reply Kea 8. April 2016 at 20:02

    Hallo liebe Tina, was für ein wundervoller Blog-Name! So heißt eins meiner Lieblings-Bücher von der wunderbaren Byron Katie, ich weiß nicht, ob du sie kennst? Wie schön, dass dich mein Beitrag angesprochen hat, das freut mich sehr. Dein Artikel darüber, wie das Leben „sein sollte“ ( oder auch gerade nicht 😉 ) steht auf meiner Leseliste – den werde ich morgen mit einer Tasse Tee genießen, darauf freu ich mich! Natürlich kaufen wir alle noch Dinge zum alltäglichen Leben ein, aber im Einkaufscenter war ich nun schon einige Monate nicht mehr und ich muss sagen – ich vermisse nichts, ich fühle mich richtig befreit 🙂 Ich kann es wirklich nur empfehlen und auch Rebeccas Blog, auf dem ich hier zu Gast sein darf, ist eine wunderbare Anlaufstelle, um Inspiration zu diesem Thema zu tanken und sich gegenseitig zu unterstützen 🙂 Liebe Grüße zu dir! Kea

  • Reply liebe was ist 8. April 2016 at 15:59

    lieebe Kea,
    schön dich hier kennenzulernen 🙂
    ich finde hast hier einen tollen Beitrag auf Rebeccas Blog geleistet und ich erkenne einige Parallelen bei uns … ich hab mich mit 28 nochmal an ein ein Studium herangewagt und vor allem gemerkt, dass ich für Konsum kaum noch Zeit habe, bzw. sie vl auch nicht so intensiv investieren will.
    natürlich konsumiere ich, wie wohl jeder Durchschnittsbürger, immer noch … die Medien, die universitäre und berufliche Umwelt, der Supermarkt um die Ecke, das sind ja alles Einflussfaktoren, denen man sich nicht entziehen kann.
    aber eben genau dieses Umdenken, dass du beschreibst, bewirkt eine enorme Veränderung!

    danke für diese schöne Erinnerung ans Leben 🙂

    ❤ Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/

  • Reply dorette 7. April 2016 at 20:20

    ich hab das gefühl, dass sich vermehrt menschen mit dem thema nachhaltigkeit und dem umgang mit unserer erde und dessen bewohnern beschäftigen. ich hoffe es werden noch viel mehr!

    • Reply Kea 8. April 2016 at 19:54

      Liebe Dorette ( heyy, deinen schönen, künstlerischen Blog kenne ich doch!) – dein Wunsch ist ein ganz wunderbarer, ich hoffe auch, dass wir eines Tages viele sein werden und immer mehr Menschen für diese Themen begeistern können, damit alle, auch Natur und Tiere, davon profitieren können 🙂

    • Reply beccs@ruhrstyle 12. April 2016 at 19:57

      Oh ja, dass hoffe ich auch von ganzem Herzen. Und im Grunde ist es doch so: wollen wir noch länger etwas von unserem wunderschönen Planeten haben, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als umzudenken und nachhaltig zu handeln.

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