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Auch ein Gutmensch fährt nicht immer Fahrrad

15. Oktober 2016

 Gutmenschen

Es kommt nun immer häufiger vor, dass manche Menschen sich in meiner Gegenwart offensichtlich nicht so ganz wohl fühlen. Man merkt das ja schließlich, wenn man was Sensibilität angeht, nicht ganz vertrocknet ist. Ich erzähle ihnen ganz nebenbei von meinem letzten veganen Dinner und der Einfachheit, Rezepte fleischlos zu kreieren ohne Fingerzeig-Hintergedanken, einfach aus purer Freude über die Tatsache.

Und dann? Na dann geht es los, eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt: Willst du uns jetzt wieder ein schlechtes Gewissen einreden, nur weil wir Fleisch essen? BLA BLA BLA…

Na woher denn? Das hatte ich ehrlich nie vor und davon mal ganz abgesehen, wer nimmt denn darauf Rücksicht, dass ich die Rezepte für Lammfleisch auch nicht hören möchte!?! Es geht dann hin und her und endet meist mit folgenden Worten: kann ja nicht jeder so ein Gutmensch sein wie du. Die neuste Waffe von Nicht-Gutmenschen (so nenne ich Menschen, die das Wort Gutmensch abwertend benutzen) ist übrigens eine ganz miese: Scheinheiligkeit vorwerfen! Denn eins ist ja wohl klar, Veganer dürfen keine Lederschuhe oder Taschen tragen-auch nicht, wenn diese alt oder vintage sind. Sagen zumindest die, die so gar keine Rücksicht auf´s Tierwohl nehmen.

Na ja, mittlerweile fühle ich mich nicht mehr schlecht, wenn ich als Gutmensch betitelt werde, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass dieses Wort von den meisten, natürlich nicht als Kompliment genutzt wird, sondern weil es in meinem Herzen ein bisschen sticheln soll. Aber egal, ich finde diese Bezeichnung vollkommen legitim und ja, ich kann zugeben, wir als Familie machen einiges echt verdammt gut.

gutmenschen sind auch nur menschen

Ich weiß, manche fühlen sich angepisst, dass uns die Meere, die Flüsse, die Gewässer allgemein am Herzen liegen und wir deshalb so gut es eben geht, auf Plastik, ja so gar auf Mikroplastik verzichten, Ich weiß, dass manche deshalb nicht mehr mit mir in den Drogeriemarkt gehen wollen, weil sie Angst haben, dass ich ihren Konsum an Duschgels, Shampoos etc. kommentieren könnte, oder ich ihnen mein Rezept für selbstgemachtes Shampoo und Deo aufdränge. Ich kann so gar vor dem Laden warten und kein Ton sagen, dennoch wird mir garantiert unterschwellig der Gutmensch vorgeworfen. „Ja Ja ich weiß ja, du kaufst so ein Zeug nicht. Das ist ja nichts für euch Ökos.“ Mal ehrlich, was bleibt mir da nur übrig als zuzustimmen?

Nett ist auch immer der Versuch, uns einzureden, unsere Tiere, darunter eine schwer kranke Hündin, die wir über Tierschutzvereine gerettet haben seien zu viel für uns. Wir können nun immerhin schon seit ein paar Jahren nicht mehr fliegen (finden wir eh scheiße, wegen Kerosin), Hotel-Urlaub ist auch schwierig (ist zum Glück eh nicht unser Ding) und man kosten die Viecher eine Kohle (Golfen ist teurer). Na gut, aber Zeit rauben se ohne Ende (Gott sei Dank sind wir Waldmenschen).

Mein 9jähriger Sohn, welcher übrigens hochbegabt ist, was bei vielen Eltern automatisch zu Hassgefühlen führt, wird natürlich von uns gezwungen, sich für Umweltschutz und für geflüchtete Menschen einzusetzen. In der Tat macht er das ganz von sich aus und er hat auch nichts dagegen den Müll aufzuheben, den eure Kinder fallen lassen. Obwohl es ihn natürlich foxdevilswild macht.

Wie ich jetzt zwischen arbeiten, Kindern, vierbeinigen Familienmitgliedern, Shampoo und Waschpulver selber machen auch noch Zeit finde, um auf Demos gegen Rechts zu wettern und mich aktiv für Menschen auf der Flucht einzusetzen ist mir selbst ehrlich gesagt auch ab und an ein Rätsel, bringt manch andere Mutter aber regelrecht auf die Palme. Zwangsläufig muss dann ja wohl etwas bei uns zu kurz kommen…vielleicht der Haushalt oder vielleicht so gar die Kinder? Nö, eigentlich nicht.

Das I-Tüpfelchen ist aber, dass wir trotz Öko-Bio-Veganer-Tierschützer-Menschenrechtler-Daseins, nicht vollkommen scheiße aussehen. Man hat nämlich wenn man schon so lebt, gefälligst scheiße auszusehen. Die Haare müssen ungepflegt sein, man trägt nur bunte Goa-Hosen (die mag ich so gar), die Beine sind unrasiert und alles andere auch…Wie auch immer, man hat scheiße auszusehen, denn wenigstens das könnte den Nicht-Gutmenschen ein wenig helfen, über ihr eigentlich doch schlechtes Gewissen hinweg zukommen.

Aber ich verrate euch heute etwas und beruhige euer Gewissen auf andere Art und Weise beruhigen, auch wenn ich tatsächlich der Meinung bin, jeder kann etwas tun und ein bisschen was ist halt besser als gar nichts…!

Aber nein, ich wollte ja beruhigen, denn ihr könnt mir glauben: auch ein Gutmensch fährt nicht immer nur Fahrrad!

  • Also, wie schon oben erwähnt, obwohl ich vegan leben, trage ich trotzdem manchmal Leder. Entweder, weil ich noch alte Klamotten habe, oder weil ich Vintage-Artikel kaufe und ja, die Sachen die ich trage, finde ich so gar schön. Generell liebe ich second hand und Vintage einkaufen, weil mir die Sachen ehrlich gesagt oft besser gefallen, als die von vielen fair fashion labels.
  • Nachdem unser Wohnmobil verbrannt ist und wir lange ohne Auto klar gekommen sind, haben wir uns nun doch wieder eins angeschafft. I know, Rad fahren ist gesünder, mache ich auch gern und oft, aber halt nicht immer.
  • Manchmal lasse ich das Licht in einem Raum an, obwohl ich mich nicht in diesem aufhalte.
  • Ich sage immer meine Meinung, auch wenn diese nicht immer nett ist.
  • Ich haue Mücken tot, die mich stechen wollen und spüle Zecken im Kloh runter.
  • Ich kaufe gerne regionale Produkte, aber nicht immer.
  • Ich liebe Nike Schuhe, obwohl die nicht fair produziert werden und ich liebe generell Schuhe.
  • Ich betätige nicht immer sofort, wenn eigentlich möglich, die Spülstopptaste am Kloh.
  • Unsere Hunde und Katzen sind keine Veganer.
  • Ich besitze bis jetzt kein Fair Phone.
  • Wenn wir im Restaurant essen gehen, frage ich nicht ob der Wein vegan ist, oder die Lebensmittel aus der Region kommen.
  • Ich gehe manchmal bei rot über die Ampel.
  • Ich fluche beim Autofahren und benutze generell und ziemlich oft die Wörter Fuck und Scheiße.
  • Ganz minimalistisch leben schaffe ich nicht, oder will ich nicht schaffen.
  • Mir scheint nicht ständig die Sonne aus dem Allerwärtesten.

Ich hoffe ihr seid nun ein wenig beruhigt und müsst nicht weiter nach Fehlern an Menschen suchen, die sich zumindest bemühen etwas hin, in die richtige Richtung zu tun. Es geht auch mit Sicherheit nicht darum alles perfekt zu machen und auf einem Regenbogen zu leben. Das schafft sicherlich niemand. Doch Fakt ist, so lächerlich es auch für manche Menschen klingen mag, es gibt sie, es gibt die Menschen die daran glauben, die Welt verbessern zu können und die bereit sind etwas dafür zu tun.

menschen die gutes tun

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15 Comments

  • Reply Anna 16. November 2016 at 9:32

    Hallo liebe Rebecca,

    ich habe mich erst diese Wochenende mit einer Freundin über dieses Thema unter halten. Sie verträgt kein Gluten, lebt soweit es für sie geht vegan, hat Zucker aus ihrem Haus verbannt und versucht Müll an allen Ecken und Enden zu vermeiden. Ihre engste Familie – Mann und Kind – machen das ganz ähnlich. Fast man die Familie etwas weiter, sieht das schon ganz anders aus. Ich finde es immer wieder sehr schade zuhören, wenn selbst Familie und Freunde einen eigentlich geliebten Menschen nicht so akzeptieren wie er ist. Ob man nun pro vegan ist oder nicht, seih mal dahin gestellt. Doch muss man dann persönlich werden? Muss man den einzelnen Menschen schon bald angreifen? Vermutlich sind die meisten veganer offen für einen Austausch, solange man einen respektvollen und wertschätzenden Umgang pflegt.

    Wenn man sagt „Ich bin Veganerin“ denken viele schon sie wüssten wie du Lebst. Ein (überglücklicher!) Pflanzenfresser, der – wie du schon so schön gesagt hast – auch auf Leber, Wolle und Co. verzichtet. Und nein, das Stimmt ganz einfach nicht. Es gibt so viele Gründe dafür vegan zu werden. Es ist nicht immer nur und ausschließlich die Tierhaltung. Für mich persönlich steht zum Beispiel der Umweltschutz ganz weit vorne. Ein anderer lebt vielleicht aus gesundheitlichen Gründen vegan und schließt für sich selbst die Kleidung zum vegan sein nicht mit ein. Mir schwirrt Momentan ständig die Frage im Kopf umher „Ist Wolle ok?“. Fairtrade Bio Baumwolle wäre perfekt! Doch das findet man nun mal nicht immer. Und alternativ zum Beispiel auf verarbeitetes, recyceltes Plastik setzen? Aber dann löst sich beim Waschen wohlmöglich Mikroplastik und gelangt ins Meer. Ist es dennoch ok, wenn das Plastik vorher aus dem Meer gefischt wurde oder Kommen wir dann in einen unsinnigen Kreislauf?

    Fragen über Fragen. Doch ihr lieben „Nicht-Gutmenschen“ ihr könnt euch sicher sein, die Veganerin, die mit ihren 5 Jahre alten Lederstiefeln und dem secondhand Wollmantel daher kommt, hat sich etwas dabei gedacht. Fragt gerne mit ehrlichem Interesse nach!

    Ganz liebe Grüße,
    Anna

    • Reply beccs@ruhrstyle 21. November 2016 at 0:02

      Liebe Anna,

      vielen Dank für deinen Kommentar bzw. deine tollen Gedanken. Es gibt wirklich sehr viele Fragen, die man sich stellen kann und vielleicht so gar eigentlich auch-mit Blick auf unsere Umwelt- stellen müsste, aber dürfen wir bei all dem nicht vergessen, dass wir auch „nur“ Menschen sind. Was ich meine ist, es ist unheimlich wichtig, zu tun was man kann um diesen Planeten und seine Bewohner zu schützen, aber man muss auch ebenso nachhaltig mit sich selbst umgehen, denn wenn einem die Puste ausgeht, weil man sich ständig Druck macht um alles perfekt umzusetzen, oder man nicht mit Freude dabei ist, dann nützt es nichts, denn dann wird man irgendwann aufgrund von Überforderung aufgeben und dem alten Trott verfallen. Ich finde Nachhaltigkeit und Veganismus muss nicht zwangsläufig Verzicht auf alles bedeuten.
      Wolle kaufe ich übrigens auch, allerdings second hand oder vintage, denn verzichten möchte ich auf warme Wollpullis nicht so gerne, aber wie du schon geschrieben hast, sieht es mit Bio Fairtrade Baumwolle noch rar aus. Ebenso verfahre ich mit Lederschuhen.

      Ich habe letztens noch so einen guten Spruch gelesen den ich aber leider nicht mehr so ganz zusammen bekomme. Kernaussage war auf jeden Fall, dass es mehr wert ist, wenn eine ganze Masse einen Schritt in die richtige Richtung macht und so etwas bewirken kann, als wenn einer alleine 10 Schritte auf einmal geht, aber dadurch zu schwach ist um etwas zu verändern.

      Ganz liebe Grüße
      Rebecca

  • Reply Cosima | Ricemilkmaid Blog 7. November 2016 at 10:47

    Huhu Rebecca,
    dieser Beitrag hat es echt faustdick hinter den Ohren – absolut klasse, dass du versuchst, reinen Tisch zu machen. Ich kann dich da absolut nachvollziehen, denn diese Kommentare von Familie, Freunden und Arbeitskollegen hört man ja wirklich ständig. Super, dass du deine Meinung dazu auf den Punkt bringst und versuchst, Klarheit in anderen Köpfen zu schaffen, finde ich super. 🙂

    Liebste Grüße
    Cosima

  • Reply Jenni 7. November 2016 at 9:05

    Liebe Rebecca!

    Hach, diese wunderbar ironisch-sarkastische Schreibweise liebe ich bei dir! (Natürlich nicht nur, aber solche Artikel lese ich sehr gerne.)
    Und ich finde diesen Beitrag wirklich wunderbar ehrlich und offen. Niemand ist perfekt und darum geht es auch gar nicht. Aber das – die Unperfektheit – ist genau die Lücke, durch die die „Nicht-Gutmenschen“ zu schlüpfen versuchen und mit der sie diejenigen angreifen wollen, die sich zumindest ein wenig Gedanken um die Zukunft, die Tiere und die Menschen und überhaupt die Welt machen. Ich finde das sehr schade – und vielleicht ist deine Art (humorvolle Ironie) die intelligenteste, darauf zu reagieren.

    Liebe Grüße
    Jenni

  • Reply Carrie 19. Oktober 2016 at 10:00

    wow toller Beitrag, schöner Look
    http://carrieslifestyle.com

    • Reply beccs@ruhrstyle 24. Oktober 2016 at 11:17

      Vielen Dank Carrie!

  • Reply dorette 18. Oktober 2016 at 9:28

    sehr gut! so menschen wie dich, braucht es mehr auf der welt 😉 eindeutig!

  • Reply Laurel Koeniger 16. Oktober 2016 at 14:48

    Hey Rebecca,

    Habe gerade über deinen lieben Kommentar bei mir nun deinen Blog entdeckt und bin begeistert! Haha, du schreibst super gekonnt und gewitzt, das sieht man selten. Wird mir eine Freude sein, dich zu abonnieren und gleich noch mehr ältere Artikel zu lesen! Ich lebe momentan zwar nicht vegan, bin aber natürlich keiner dieser „Nicht-Gutmenschen“, und dieser Beitrag ist der erste, der die Sicht einer komplett vegan lebenden Person richtig schön beschreibt. Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße,
    Laurel

    • Reply beccs@ruhrstyle 19. Oktober 2016 at 6:17

      Hello Laurel,

      vielen Dank für deine lieben Worte zu diesem Beitrag. Es freut mich immer ganz besonders, wenn meine Schreibweise ankommt. 🙂

      Liebe Grüße
      Rebecca

  • Reply L♥ebe was ist 16. Oktober 2016 at 14:14

    meine Liebe,
    ich finde es wieder herrlich, wie du kein Blatt vor den Mund nimmst und alle Vorurteile auf den Tisch knallst!
    ich kann ein Liedchen davon singen, wie man auf andere Menschen wirkt, wenn auch nur Sojamilch für den Latte bestellt, statt Kuh. irgendwie ätzdend ist das ja.
    ich habe früher immer meine Allergien gegen verschiedene Lebenmittel vorgeschoben um mich dann zu rechtfertigen, weil ich es gehasst habe, dass alle mich direkt als Moralapostel sehen.
    inzwischen ist mir das aber egal. auch wenn ich mich selber nicht als Gutmensch sehe, weiß ich doch, dass sie recht haben, denn ich bin in diesem einen Punkt eben dann doch „besser“ als sie.

    ich finde es übrigens auch klasse, dass dein Sohn sich selbstständig zu eurer Lebensweise entscheiden durfte und es auch tat. das ist wohl auch ein Zeichen von politisch korrekter und moralischer Erziehung 🙂

    wünsche dir noch einen tollen Sonntag meine Liebe,
    ❤ Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/
    https://www.instagram.com/liebewasist/

    • Reply beccs@ruhrstyle 19. Oktober 2016 at 6:14

      Liebe Tina,

      ja manchmal ist es doch wirklich wie verhext. Da bestellt man sich Sojamilch und hat Angst sich wieder rechtfertigen zu müssen. Zum Glück stehst du nun zu dieser guten Entscheidung.
      Bezüglich Kinder: Ich finde es unheimlich wichtig, dass man Ihnen nicht irgendetwas aufzwingt, denn ich denke mit Zwang erreicht man gar nichts oder im schlimmsten Fall, genau das Gegenteil von dem was man wollte.

      Ganz liebe Grüße
      Rebecca

  • Reply Steffi 16. Oktober 2016 at 8:22

    Haha,super!! Ich bin auch verlogen und heuchlerisch, ich habe nämlich die Flöhe meiner Katzen getötet.Und das als Tierschützerin!waaaahh!
    LG Steffi/redseconals.com

    • Reply beccs@ruhrstyle 16. Oktober 2016 at 8:34

      Ach siehste, dieses mörderische Verhalten hätte ich in meiner „Wasichallesfalschmache-Liste“ auch mit aufnehmen können, denn ich habe die gleiche Sünde begangen. 🙂

  • Reply Sue 15. Oktober 2016 at 22:19

    Wahnsinnig toller Beitrag, ich kann dich da so gut verstehen! Ich wünschte, ganz viele Nicht-Gutmenschen würden das lesen und verinnerlichen.

    • Reply beccs@ruhrstyle 16. Oktober 2016 at 8:32

      Vielen Dank liebe Sue.

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